The Holy Sickness Of It All

Im Zuge meiner erneuten Verwandlung weiß ich die Tage nach dem Festival kaum wie mir geschieht. Es ist beinahe so als würde mich etwas übernehmen. „It overtakes me“… singen die Flaming Lips schon so treffend. Something extraordinary is happening.
Im absoluten Bliss schwebe ich durch die Arambolsche Landschaft, und treffe beim Schlendern und Obst kaufen fortwährend auf den Tribe; meine Brüder und Schwestern vom Ecstatic. Der Höhepunkt sind meine Gebete am Mittwoch, zwei Tage nach dem Festival, bei denen ich schreie, weine und tobe wie nie zuvor. Meine Schaukel bricht bei höchster Schwingung und transmutiert zum fliegenden Teppich, der eine Vibration der Skala Wunderlich Dreiviertel aufweist (die Umrechnung würde Jahre dauern, also ganz ruhig bleiben). Ich fliege durch Raum und Zeit, und lande hier und dort an einem wunderbaren Ort.
Wie dem Kokosnussstand, um frisches Kokoswasser zu tanken.
Das Wunderland in der fünften Dimension beflügelt alle Sinne; es ist hell erleuchtet, brillant und erstaunlich, beinahe blendend.
Alles was die Prophezeiungen voraussagen, ist wahr.

Und am nächsten Tag folgt die Landung.

Ich laufe mit beiden Beinen auf dem Boden in die Einkaufsstraße des Ortes, um einiges einzukaufen, besonders in Hinblick auf meinen geplanten Detox, denn mein Liquid für die Dampfe neigt sich dem Ende zu und ich möchte nicht anfangen zu rauchen. Im Grunde befindet sich diese Entgiftung schon die ganze Zeit im Hinterkopf: Nach dem Festival wird genug Zeit und Ruhe sein für den nächsten Detox… so wird’s gemacht…

Doch es kommt völlig anders.

Alles beginnt als sich ein paar Vampire an meinem Gesicht und Hals zu schaffen machen – die kleinen Biester haben mir einige Stiche versetzt, die jetzt zärtlich zu jucken anfangen (prima Wecker auf jeden Fall). Benommen stehe ich auf, laufe nach draußen und frage jemanden nach der Uhrzeit. Es ist kurz vor sechs. Okay, viereinhalb Stunden Schlaf reicht und der Jetlag dürfte damit ins Jenseits befördert sein.

Qi Gong, Prayer, Meditation, Zeolith.

Und die Küche wird geputzt und der Kopf ganz kahl geschoren.

Er wird zum Kehrer.

Der Kehrer bemüht sich weise, die Treppen, den Hof, ja den gesamten Außenbereich, auf sanfte und ganzheitliche Art und weise zu reinigen. Seinem geübten Blick entgeht nichts.
Jene zahlreichen Teile, die verstreut über dem Platze verteilt liegen, von manchen unsanft als Abfall bezeichnet, und überwiegend aus Plastiqué, haben keine Chance. Mr. Großkiste an der Mauer auf der Lauer ums Eck, nimmt sich ihrer gerne an.

Welch frohgemute Tätigkeit es doch ist zu kehren und zu scheren und eine gute Energie zu schaffen! Spaceholding, Baby…

Nun, so geht noch alles ganz gut los an diesem Tage (und wird ein Ausgleich geschaffen zu dem doch recht verrückten Weckdienst).

Am Strand lass ich endlich so richtig los, genieße das schwimmen und fühle mich zum ersten mal seit vier Jahren (anno Pai, 2014) in so was wie einem Urlaub. (wobei ich mich sogar hinreißen lasse einer Inderin am Strand ein grünes Seidentuch abzukaufen, während ich mit der Engländerin vom Ecstatic deren Name mir leider jetzt entfallen ist, ein ferienmäßiges Gespräch führe).

And Now For Something Completely Shifting.

Magenkrämpfe. Unwohlsein. Dizzyness.
Die Scheii-ßerei.

Uh lala uh lala!

Trotz enormem Rumoren in der Magengegend kaufe ich noch einige Dinge ein wie roten Bioreis und Tamarind und gehe danach sogar ein Masala Dosa im Cafe Morjim essen, obwohl ich bereits relativ satt bin (es ist einfach zu gut).
Nun, auf dem Weg zurück nach hause treffe ich am Thank You Arambol erneut auf Vlad, den ich am Kokosnussstand kennen gelernt habe. Ich erkläre das bei mir irgend etwas vor sich ginge, und mein Magen mit einigem Eifer rebelliere. Die holde erfahrene Dame an seinem Tisch empfiehlt umgehend Apple Cider Vinegar zu bestellen, um den Rebellen zu beruhigen.
Dankend setze ich mich hinzu und mir wird versichert, dies seien ganz normale Symptome, und ich sei wahrlich nicht der einzige dem es so ginge.

Heiliger Bim Bam, this is really getting fancy…

Der Drink hilft, aber nicht für lange.

Und das alles unmittelbar als ich mich wirklich entspanne (oder gerade deshalb) und auch noch kurz vorm geplanten Detox stehe, inmitten des hohen Energielevels vom Festival.
Der Auslöser lässt sich überdies kaum ermitteln. Ich genehmige mir nach dem Strandurlaub am Morgen teure Mangos (da out of season) und Banane mit schwarzem Reis und eigenem Kefir: Es könnte also am Kefir, an der Kokosmilch aus der Dose (well, never buy canned food), oder an den Früchten gelegen haben – aber ehrlich gesagt, wirklich ALLES kann eine bakterielle Vergiftung auslösen. Da läufst du ein fröhliches Liedchen zwitschernd durch die Wildnis der Realität und jemand hustet eine Gruppe freche Bakterienstämme auf deinen Sesamiball…, oder sie warten heimtückisch auf einer Türklinke auf deine warmen Finger, nein, warte, ich hab’s, dort in den dunklen Gemäuern der bakteriellen Düsternis, Donnergrollen, der unsichtbare Feind, auf der Toilette, im Internetcafé, auf dem Geldschein, aaarg, Panik, sie jagen dich, sie sind überall, es gibt kein Entkommen, ohhh neeeeiiinnn!
Easy, ja, easy…
Einatmen, ausatmen… die Bakterien sind unsere Freunde, es ist ein heiliges Cleansing, surrender to the holy sickness of it all.
Ja, ja… Genau.
Ich mach’s mir aber nicht so leicht die kommenden Tage und Stunden.
So neigt sich das letzte Liquid zur Neige und etwas in mir dem Zigarettenkonsum zu.
Immerhin halte ich den Konsum so gering wie möglich: beschränke den Konsum auf den Abend und bleibe tagsüber clean.
Begünstigt wird diese Vergiftung sicherlich durch mein weniger starkes Immunsystem, das während der letzten Wochen leider vernachlässigt wurde durch Metallstaub beim Job, neuerlicher On & Off Nikotinkonsum und dem Anti-Clean-Eating für einen gewissen Zeitraum beim Übergang und auf dem Festival, nachdem es mehrere Monate stark aufgebaut worden war.
Die Suchtthematik kommt zumeist im Paket wie es scheint: Erst ein paar Zigaretten hier und dort, dann Brot, evtl. was nicht veganes. Schleichende Vernebelung setzt ein und hinzu kommen Cravings und Gier; Arun drückt es folgendermaßen aus: man wird zu einem Arschloch.
Hierzu gesellt sich zudem noch eine andere Geschichte, die immer wieder kontrovers diskutiert wird, und das durchaus zu Recht. In diesem Falle tatsächlich als Medizin verwendet, hilft sie zwar gegen die Schmerzen in der Schniedelgegend, hat dafür allerdings gewisse negative Auswirkungen auf die Psyche.

Ich besuche Laura mehrmals während dieses heiligen Spektakels, zum einen um ihre Gesellschaft zu genießen und zum anderen ihrer Medizin wegen. Es handelt sich um den Lebensretter in der Not und sie hatte es zuvor kurz anklingen lassen das sie es besäße. Oh Wundermittel, du gutes, widerlich schmeckendes, niederträchtig vom Establishment denunziertes, schnell wirkendes MMS, oh, das du uns immer so gute Dienste erweist und wirkst.
Noch am gleichen, ersten Abend ging ich (glaube ich) bei ihr vorbei, und erhielt es samt ihrer fürsorglichen Anweisungen (ich missachtete sie dann mehr oder weniger zuerst, hielt mich aber in der zweiten Phase an alles).

Nehme es ab dem späten Abend und bis zum dritten Tag des Spektakels, schlafe den kommenden Tag halb durch. Ja, die Holy Sickness Of It All, haut mich komplett um.

Zusätzlich nehme ich auf Ratschlag eines Paares aus dem Tribe, das ich nahe des kleinen Shops San Pedro antreffe, noch ein paar mal Elektrolyte ein.
Insgesamt bin ich noch viel zu aktiv während der Genesung.

Tag vier des Spektakels. Endlich geht es besser und ich komme sogar zeitig aus dem Bett, und zwar um neun Uhr morgens. Wir schreiben den 22.Januar. Die zwei exzellenten Kombucha helfen enorm – Uplifting & Rejuvenating – und fügen dem grandiosen Ensemble des Garden of Dreams (das ich erstmals besuche) nur die Krone auf. Hier gibt es überall Pflanzen, und andere Kleinigkeiten, die liebevoll und kreativ installiert wurden, um unseren Sinnen zu schmeicheln. Eine Oase voller Wunder mit einer reinigenden und inspirierenden Atmosphäre. Wahrhaftig, die Energie dieses Gartens ist erstaunlich gut und du kannst dich so richtig gut aufladen.
Hier verbringe ich den Nachmittag und meine Genesung wird so richtig angekurbelt. Good Vibes mit dem Raw Chocolate Cake, Guacamole und dem hauseigenen Orange-Beetroot-Salad.
In gewissem Sinne starte ich an diesem Tag den Versuch doch in den Detox zu gehen, und bin gleichzeitig auf der Suche nach Apfelsaft und Olivenöl für eine überlegte Leberreinigung, die ich dann zugunsten von Sinn und Verstand aufgebe, denn es gibt diese Dinge nicht.
This is India und dazu kommen wir im gleichnamigen Kapitel.

Die Genesung schwankt am fünften Tag und ich mache viel zu viel. Nachdem ein Arzt mir sagt ich solle umgehend Antibiotika nehmen oder wolle ich ins Krankenhaus?, kann ich innerlich nur lachen und Rimke verkündet daraufhin: „Geh. Schau nach Dr. Krishna. Du findest ihn im Love Temple oder Magic Park!“ Achso? Natürlich!! Wieso bin ich da nicht gleich drauf gekommen??

Diesen finde ich am darauf folgenden Tag, dem letzten der Genesung. Er sagt er könne mich ein paar Tage später empfangen und scannt mich von Kopf bis Fuß ab mit einem irren Augenrollen. „Ja, Prostata, Milz“ – aber es ginge mir eigentlich doch ganz gut. Sein Ratschlag: Porridge essen, das habe die Milz morgens ganz gerne. (Der hat auf jeden Fall den Chakrenblick der Freak)

Nun gut. Am 25.Januar bin ich zurück in voller Kraft, auch wenn sich hier der Magen noch ab und an meldet. Der Zirkus mit den bunten Bakterien dauert mit Aufs und Abs also sechs Tage. Sechs Tage vergnügliche Vergiftung.

Welcome To India!

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