Von Berlin nach Arambol

Ja, ja… auch dieses Kapitel sollte früher das Licht des Blogs erblicken, ich weiß, ich weiß.
Ziemlich knapp dran mal wieder.
Ich hetze von der Bushaltestelle zurück zur Oma, um das dicke Schuhwerk abzustoßen, der Blick auf die Uhr im Handy lässt den Schweiß nicht weniger werden. Und verpasse den Bus. Laufe zur Bahn. Fahre zum Flughafen, telefoniere mit dem Cluster. Der wünscht alles gute und freut sich sehr.
Warum immer so knapp? Die Nerven liegen blank. Beim Herauslaufen aus dem Bahnhof Beusselstraße will der Busfahrer bereits die Türe schließen, sieht mich aber losrennen wie den jungen Kojoten und wartet bis ich bei ihm bin, und los gehts, Beep Beep…
Europa ist wahrhaftig die Kathedrale des Stresses. Geheiligt werde sein Name.

Und Dr.Insomnia will nicht weichen – diese Infusion ist eine dreifache Dosis und stellt wirklich alles in den Schatten.
Siebenundfünfzig Stunden. Über den Daumen gepeilt, sind es am Ende…
Zehn Uhr morgens.
Die Turkish Airlines Flüge sind sanft, ja fast zärtlich, und die Verpflegung ist eine einzige Überraschung. Reis mit Curry und Hummus, total vegan? Ich kann es kaum glauben. Der Film ist atemberaubend und ordnet sich geradezu unanständig in die tatsächlichen aktuellen Begebenheiten der so called Reality ein. Es ist der neue von Luc Besson. Verspuhlt, spirituell, psychedelisch, atemberaubend…
Die Verbindung ist so zackig gelegt das ich richtig ins Schwitzen komme als ich in Istanbul zur Boeing 777 hasten muss. Der erste Flieger hatte etwas Verspätung gehabt. Ist hetzen denn eigentlich das Supermotto, oder was?
Start und Landung weich wie Watte, und ich betrete Indien um sieben Uhr morgens.
Es gibt keine Wechselstuben außerhalb des Flughafens, aber das sagt einem irgendwie keiner, und dann lassen sie einen nicht wieder einkehren.
Hm, irgendwie der Wurm drin heute und dieses Internetcafé ist viel zu kalt ich muss rausgehen. Tja was soll’s… dann morgen wieder. Moment mal, das darf hier gar nicht stehen, das ist nur eine Notiz für mich, das hast du nicht gesehen!
Setze mich erst einmal hin, neben eine kleine Palme an einer verwinkelten Ecke am Rand eines Beetes, und dampfe etwas Blaubärkuchen. Die Luft ist angenehm mild, aber es ist nicht besonders warm (und um ehrlich zu sein, frischer als erwartet). Genau richtig. Aaah, mal n Moment entspannen. Durchatmen. Kleidung wechseln. Kakaobohnen snacken. Das ich keinen Schlaf gefunden habe, macht sich jetzt nur in dem Sinne bemerkbar, das ich sehr gedämpft bin, sehr ruhig. Nun, es ist immer sehr befreiend aus dem Flughafengebäude zu kommen und endlich einen ruhigen Moment für sich zu haben. Besonders, wenn der Winter, zahlreiche Check-ins und Check-outs, Passkontrollen und Warteschlangen hinter einem liegen. Ja, das ist immer ein fast heiliger Moment.
Ich gehe ein wenig umher und schaue wer alles durch die Gegend streift und stelle fest das es nicht viele sind. Scheinbar niemand der mir mal erklären könnte, wo es zu einer Wechselstube geht. Ein etwas absurder Start – in Thailand kann man Geld wechseln wenn man aus dem Hauptbereich des Flughafens in die Vorhalle kommt, und diesen Bereich auch immer wieder betreten, und fröhlich einkaufen wenn einem der Sinn danach steht, oder, ganz nach unten zum Zug gehen, um in die City zu kommen. Demnach bin ich das also gewöhnt. Aber was solls. Die erste Herausforderung hat begonnen. Schließlich fragt mich jemand ob ich ein Smartphone besäße (natürlich nicht, Smart sein heißt heutzutage so etwas wie den Verstand verlieren) und wir kommen ins Gespräch. Der überaus großzügige Londoner Halb-Inder hat seinen Pass verloren und gibt mir zum einen seine letzten 23 Rupien, und zum anderen eine exakte Beschreibung wie ich von diesem zum Domestic Airport (wo es eine Wechselstube gibt), UND von dort aus weiter bis zum Hauptbahnhof gelange.
Dann begleitet er mich nach draußen, wo wir auf den entsprechenden Bus warten und schiebt mich dort hinein – die Fahrt kostet quasi nichts. Die Sonne geht auf und es wird langsam warm. Ich werde zwischen zwei Kreuzungen – einfach mitten auf der Straße – rausgeschmissen und beeile mich zum Fußgängerweg zu gelangen. Kleine Pause, und ich genehmige mir ein paar meiner Walnüsse, Keimlinge, weitere Kakaobohnen und geschälte Hanfsamen (einfach der perfekte Snack, und ich bin überaus glücklich über meinen wohl bedachten Proviant). Schließlich finde ich den Weg zum Domestic und zur Wechselstube. Der weitere Weg führt mich zurück zu einer der Kreuzungen, wo mich ein paar Inder zu dem Glauben bekehren wollen, das es ein meilenweiter Fußmarsch bis zum nächsten Bahnhof sei, und so was wie Busse hier gar nicht existieren würden. Ihr Taxi, oder das Taxi eines Bekannten, oder das eines Bekannten eines Bekannten, sei hingegen eine ganz wunderbare Möglichkeit diesen wirklich weiten und strapaziösen Weg zu überwinden.
Ich hab zwar nicht geschlafen, aber der Kakao hilft meiner Konzentration. Ich lasse mich nicht beirren. Die Beschreibung meines Londoners stimmt, das ist mein Glauben. Ich überquere also die mehrspurige Straße, werde beinahe überfahren, und gelange nach ein wenig Fragerei zu einer Bushaltestelle keinen Kilometer entfernt auf der linken Seite. Ich erfahre das jeder Bus zur Bahnstation Vile Parla Station fährt und mache ein paar fleißige Dehnübungen (so viel zum Thema Beharrlichkeit). Es dauert nicht lange da kommt auch schon der Bus und es geht so schnell, da esse ich in der Fahrkartenhalle auch schon ein paar Bananen und trinke das erste Wasser seit fünf Stunden im Flugzeug – puuh das war nötig. Die folgende Zugfahrt durch die dreckige, heruntergekommene Stadt ist -da-fällt-doch-dem-jungen-glatt-das-wort-aus-dem-mund-: Arbeiter in Scharen hacken mit allerlei Werkzeugen die Kieselsteine aus den Schienen – warum um alles in der Welt auch immer – der Smog ist mit dem bloßen Auge erkennbar, Ghettos und Wolkenkratzer (offenbar Bürogebäude) nebeneinander und die Sonne steigt langsam auf den Zenit ihrer Kraft. Ich stehe in der Tür und die Zugluft weht mir um die Ohren. Nach etwa einer Stunde trifft der Zug in der Churchgate Station ein, und ich frage mich von dort aus Richtung CST Station durch. Mitten auf dem Fußgängerweg spricht mich schließlich ein Inder an und verwickelt mich in ein Gespräch und wird mich die nächsten vier Stunden komplett begleiten.
Der herzensgute Mann führt mich zur CST Station und zum Fahrkartenschalter. Die CST Station ist eine britische Burg! Ein riesiger Bau mit Türmen und Stuck, und wirklich ansehnlich! Fünf Stunden hat es bis hierher gedauert mit Verunsicherungen, Stress, und gefährlichen Straßenüberquerungen.
Der Mann am Schalter gibt mir einen Zettel zum Ausfüllen der Formulare und ich erhalte dann das allerletzte Ticket für den Nachtzug mit der Nummer 10111 im Schlafabteil.
„Lucky Man!“ sagt der Beamte zu mir. Ich fahre also wirklich gleich weiter nach Goa und brauche keinen Bus zu nehmen (well, ich würde auch keinen einzigen Tag länger in diesem Moloch Mumbai verweilen!).
Jetzt noch fix den Rucksack in die wohl behütete Bahnhofsverwahrung gegeben…
Mein Begleiter führt mich hinaus aus dem überdimensionierten Bahnhofsgebäude in die verwinkelten Gassen des nahen Marktes, welche von dem Gebäude abgehen. Es riecht nach Gewürzen und anderen Dingen. Jetzt erschüttert mich meine Schlaflosigkeit mit voller Härte. Ich kann mich kaum noch konzentrieren und bin sehr ruhelos. Das bemerke ich besonders als ich vier Pakete Curry und ein Paket Kardamom kaufe, obwohl das merklich auf mein Budget schlägt da ich erst einmal nur 25 Euro gewechselt habe – und nun mit Hilfe meines Begleiters noch etwas nachwechseln muss. Kopfschmerzen kommen hinzu.
Ich lade meinen Begleiter noch auf einen Chai und an einem anderen Ort auf ein Veg Thali ein und gebe ihm am Ende, als er mich nahe des kleinen Restaurants an einem Hostel (das eigentlich nur für Inder gedacht ist) verlässt, noch 300 Rupien in die Hand. Er ist enttäuscht, doch andererseits hätte er wirklich von Anfang an sagen können das es ihm ums Geld geht. Es ist irgendwie zweischneidig: Ich bin mir nicht sicher ob es nur deswegen war oder ob er die Zeit mit mir, wie ich dachte, auch ohne Hintergedanken genossen hat. Nun, in dem Hostel kann ich nicht schlafen, weil die Inder die dort herumhängen unglaublich laut sind, aber immerhin kann ich mich hinlegen, ausruhen, meditieren und duschen. Diese Dusche hilft und bringt mich wieder ein wenig auf Trab. Ich entspanne mich und denke das die Gewürze doch schließlich eine dufte Sache sind und ich sehr dankbar für meine herzensguten Helfer des Tages bin ohne die ich jetzt nicht schon den Nachtzug nach Goa nehmen würde. Also los jetzt ab zum Bahnhof. Es fügt sich alles ganz wunderbar, in meinem Abteil sind die ersten Touristen mit denen ich mich austauschen kann. Jeweils drei Betten sind übereinander gereiht, und es gibt keine Bettwäsche oder Vorhänge. Dies ist offenbar die günstige Klasse…
Es gelingt mir dennoch endlich zu schlafen, immerhin sechs Stunden.
Am Morgen geselle ich mich zu dem Engländer auf die andere Seite, und wir trinken etwas Kaffee und Chai (ja, nicht vegan). Ich schmökere ein bisschen in seinem Lonely Planet. Und dann sagt er er würde mich ins Schlepptau nehmen und das Taxi bezahlen, was mich nach Mapusa bringt und ihn woandershin. Die morgendliche Stimmung ist ganz angenehm. Als wir aus dem Zug steigen, hat die Sonne bereits ordentlich Kraft – wir überqueren eine Brücke und der erfahrene Indienreisende verhandelt mit den Taxifahrern auf der anderen Seite ohne Gnade. Die Fahrt ist erfrischend und nun löst sich der industrielle Wahnsinn der Flughäfen, Städte, Bahnhöfe und Autos in palmengesäumtes Wohlgefallen auf. Die Natur kehrt endlich zurück.
Nach einer allerletzten überfüllten Busfahrt werden mein neuer deutscher Begleiter und ich in Arambol an der Busstation (die es nicht gibt) abgesetzt.
Wir laufen los Richtung Strand. Meine Stimmung steigt massiv an und mein Gesicht erhält das Lächeln das der neuen Situation gebührt. Und dann, nicht allzu lange Zeit ist vergangen, als wir gerade an einem Kokosnusstand halten und die Lage checken wollen, genau dort wo sich die Straße nach rechts verabschiedet und auf der andere Seite ein Weg wohl Richtung Strand führt, wird mein Name gerufen. „Paolo?“ erst relativ zaghaft, ich nehme es kaum wahr. Noch einmal. „Paolo!“ ein Ausrufezeichen versetzt dem Ruf einen merklich lauteren Ton. Wer kann mich hier rufen? Ist es der Pascal vom Ecstatic? Hä? „Paolo!!“ Ich drehe mich nach allen Seiten. Und da sehe ich sie: Zwei Berliner Bekannte, aus der Kreuzberger WG. Ich fasse es nicht. Mein Grinsen wächst und wird so breit wie ein Sumoringer. What the?
7.Januar, 12.30Uhr.
„Was um alles in der Welt macht ihr denn hier?“ Ich laufe hinüber. „Hast du schon gefrühstückt?“ Perfekt, hey. Auch mein Begleiter gesellt sich hinzu und wir bestellen etwas das kleine Bohnen enthält für unfassbar wenige 20 Rupien und haben das Glück das sogar noch zwei Extraportionen nur halb angerührt worden sind, die wir uns schon reinpfeifen bevor unsere eigentliche Bestellung eintrifft. Und wir reden und reden und reden. Diese Synchronizität ist außerordentlich und nach dem entspannten Frühstück weisen mich Flo und Eva direkt mal in die Wunder Arambols ein. Also so etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Die hohe Schwingung ist bemerkenswert. Wir laufen über die Hauptstraße entlang, zahlreiche Geschäfte links und rechts, die alle Art Waren wie Gewürze, Kleidung, Stoffe, oder Musikinstrumente anbieten. Ich sehe Stahltrommeln. Wie gerne würde ich eine davon kaufen. Ein Auto kommt uns entgegen mit 777 auf dem Nummernschild. Alles ist gut.
Wir verlassen die Straße in eine kleine Gasse nach rechts, bevor es zum Strand geht, und der Weg schlängelt sich durch eine weitere Gasse und an einem Haus entlang. Dieses Haus hat ein Dach und wir steigen über eine Treppe in die erste Etage, wo Zelte aufgeschlagen sind. Dann setzen wir uns und ich krame die Musik heraus und wir hören „The Souljazz Orchestra“. Und wir reden und reden und reden. Bis ich irgendwann die Poi raushole und feierlich spiele während ich den traumhaften Ausblick auf die Palmen und den Spalt aufs Meer genieße. Wie könnte man sich eine bessere Ankunft vorstellen?

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